Das Feuerschiff von Siegfried
Lenz
Ein Feuerschiff
ist der Ort der Handlung in Siegfried Lenz' Erzählung "Das Feuerschiff".
Der Kapitän heißt Freytag, ein ruhiger und pflichtbewußter Mann. Auf
der letzten Wache hat er seinen Sohn Fred mit hinaus genommen, einmal
um ihn das Leben an Bord eines Feuerschiffes miterleben zu lassen, dann
aber auch, um eine Spannung zu beseitigen, die zwischen ihm und seinem
Sohn bestand. Da tritt zwei Tage
nach Beginn der Wache ein unvorhergesehenes Ereignis ein. Fred erspäht
durch ein Fernglas ein auf offener See treibendes Boot, auf dem sich
drei Männer, anscheinend Schiffbrüchige, befinden. Kapitän Freytag läßt
sofort ein Boot aussetzen, um die Schiffbrüchigen hereinzuholen. Als
sie an Bord des Feuerschiffes sind, entpuppen sich die vermeintlichen
Schiffbrüchigen als flüchtige Gangster, die schwer bewaffnet sind. Doktor Caspary,
der Führer und Sprecher der Gangsterbande, verlangt, dass das Boot der
Bande repariert wird oder, falls sich dieses als unmöglich herausstelle,
der Kapitän ihnen das schiffseigne Rettungsboot zur Verfügung stellt,
damit sie weiterfahren können. In einer scharfen Auseinandersetzung
mit Dr. Caspary lehnt Kapitän Freytag diese Forderungen jedoch ab, denn
das Schiff ist nicht zu reparieren und die Mannschaft sei selbst auf
das Rettungsboot angewiesen. So sieht Dr. Caspary nur noch eine letzte
Möglichkeit: Freytag solle den Anker einholen lassen, die Gangster hinüberbringen
und unter der Küste absetzen. Auch dieses Ansinnen lehnt Kapitän Freytag
als verantwortungsbewußter Kapitän eines Feuerschiffes ab, da er seine
Position nicht verlassen darf, ohne andere Schiffe und deren Besatzungen
zu gefährden. Einige Mitglieder
der Mannschaft sind entschlossen, die Gangster zu überwältigen und festzunehmen,
aber Freytag warnt sie vor deren Bewaffnung. Er fühlt sich für die Mannschaft
verantwortlich und will Blutvergießen vermeiden. Sein eigener Sohn verdächtigt
ihn der Feigheit, zumal die alte Geschichte, die Fred nur vom Hörensagen
kennt, gegen ihn zu sprechen scheint. So steht Freytag gegen seinen
Sohn und gegen einige Mitglieder der Mannschaft, die Gewalt anwenden
wollen. Er kann es nicht mehr verhindern, dass sich Zusammenstöße zwischen
seinen Leuten und den Gangstern ereignen. Inzwischen hat ein Besatzungsmitglied
heimlich per Funk die Direktion an Land über die Vorgänge auf dem Schiff
informiert. Man wird ein Polizeiboot schicken. Caspary bietet Kapitän
Freytag dreißigtausend Mark an, wenn er sie mit dem Feuerschiff zur
Küste bringt und an einer bestimmten Stelle absetzt. Kapitän Freytag
lehnt dieses Angebot ab, sein Schiff wird seine Position nicht verlassen.
Die Situation wird für die Gangster unangenehm und drängt zur Entscheidung.
Tatsächlich ist es Caspary gelungen, durch Bestechung und Drohungen
einige der Besatzungsmitglieder für sich zu gewinnen. Auf seinen Befehl
hin soll der Anker gelichtet und das Feuerschiff in Fahrt gesetzt werden.
Als sich die Mannschaft vor dem Ankerspill versammelt hat, wo sie von
Caspary und seinem Genossen Eddie mit Maschinenpistolen in Schach gehalten
werden, geht Freytag ruhig auf Eddie zu. Alle anderen bleiben stehen
und Freytag wagt sich immer nähern an den Lauf der Maschinenpistole
heran. Eddie zögerte nicht lange, warnte Freytag noch einmal und als
der weiter auf ihn zugeht, streckt er ihn mit einem Schuß nieder. Fred
sticht den Mörder seines Vaters nieder. Diese Tat ist das Signal zur
Überwältigung Casparys. Während Caspary und der tote Eddie in die Messe
gebracht werden und Kapitän Freytag versorgt wird, trifft das Polizeiboot
ein. Das Feuerschiff
hat, wie Kapitän Freytag es wollte, seine Position nicht verlassen und
Fred hat sich mit seinem Vater ausgesöhnt. Er hat erkannt, dass sein
Vater nicht feige, sondern tapfer und standhaft ist, auch wenn er vorher
mit allen Mitteln versucht hat, Auseinandersetzungen aus dem Wege zu
gehen und die Probleme mit Nachgiebigkeit und Gewaltlosigkeit zu lösen.
Interpretation
eines Berliner Schülers: Die Erzählung "Das
Feuerschiff" ist eine Warnung vor allzu grossen Sicherheitsgefühlen
einer Gesellschaft, die glaubt, gegen die Bedrohung einer Diktatur sicher
zu sein. Freytag steht Anforderungen gegenüber, die erschwert lösbar
sind, weil er sich nicht mehr auf seine Mannschaft verlassen kann. Er
muss einsehen, dass er den Kampf alleine zu kämpfen hat. Freytags Gewaltlosigkeit
ist nicht mißzuverstehen. Man braucht Waffen gegen Waffen, das soll
auch der Sinn der Episode sein, als einer der Verbrecher auf Bitten
des Kapitäns eine treibende Miene abschießt. Der Kapitän verteidigt
die "Ordnung auf See" waffenlos mit seinem Leben gegen den Erpresser
und seine Genossen. Es wird gezeigt, dass der gewaltlose und bequemere
Weg in Gefahr ist, wenn es darum geht, Probleme zu lösen, wenn andere
Prinzipien oder Ordnungen des Zusammenlebens versagen. Caspary verachtet
die Ordnung, er arbeitet, um das System der Ordnung von innen her zu
zerstören. Freytag hingegen hält die Ordnung für ein wichtiges Intrument
der Gesellschaft, um ihr ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Er weigert
sich die Position des Feuerschiffes zu ändern, denn sein Schiff ist
verantwortlich für die Ordnung auf See. Die Wichtigkeit des Feuerschiffes
ist mit der Wichtigkeit der Institutionen innerhalb der Gesellschaft
zu vergleichen. Das Verhältnis zwischen
Vater und Sohn ist gespannt. Freytag holt seinen Sohn deshalb an Bord,
um das Verhältnis zwischen ihnen zu entspannen. Fred versucht seinem
Vater auszuweichen, dies ist aber auf einem Schiff fast unmöglich. Die
Begegnungen zwischen ihnen sind von Feinseligkeit und Aggressivität
geprägt, welche von Fred ausgeht. Das Auftauchen der Gangster und Freytags
Verhalten ihnen gegenüber gibt vielmehr Fred recht. Er glaubt seine
Meinung bestätigt zu sehen, dass er einen Feigling zum Vater hat. Schliesslich
verschärft sich der Vater-Sohn-Konflikt und Fred läuft zu den Meuterern
über. Freytag, der durch sein Verhalten Blutvergießen vermeiden will
und zuerst alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen versucht, geht am
Schluß der auf ihn gerichteten Maschinenpistole entgegen, um seinem
Willen Geltung zu verschaffen. Als ihn die Kugel trifft, weiss Fred,
dass sein Vater kein Feigling, sondern ein pflichtbewußter und ruhiger
Mensch ist, welcher sich nicht von Emotionen leiten lässt, sondern nach
seinem Verstand handelt. Schlußendlich wird aus dem Ankläger Fred der
Rächer Fred, der den Mörder seines Vaters umbringt. Der Autor Siegfried
Lenz, wurde am 17.3.1926 in Lyck geboren. Er war der Sohn eines Beamten
und besuchte das Gymnasium (Notabitur). Kurz vor Kriegsende wurde er
zur Marine eingezogen. Ab 1945 lebte er in Hamburg wo er ohne Abschluss
Philosophie, Angelistik und Literaturgeschichte studierte. 1950 wurde
er Redakteur bei der "Welt". Ab 1951 war er freischaffender Schriftsteller
in Hamburg. Er wurde mit einigen Literaturpreisen wie zum Beispiel 1970
mit dem Literaturpreis der Freimaurer ausgezeichnet. "Das Feuerschiff"
schrieb er im Jahr 1960. Das Buch zeigt einen unlösbaren Konflikt zwischen
sich feindlich gegenüberstehenden Mächten. Mit jedem Buch lenkte Siegfried
Lenz die Aufmerksamkeit auf sich. Er nahm und nimmt Anteil am Leben
und am Schicksal des Menschen. Unpersönlich ist für ihn der Alltag,
in dem sich das Element Zeit spiegelt, das Vergängliche unseres Erdendaseins.
Schon früh dachte er daran, dass das Alter eine rechte Belastung für
den Menschen sein kann. Ein Ausgestoßen- und Verstoßenwerden, dem sich
zu widersetzen manchmal kaum oder überhaupt nicht möglich ist. Was einem
bei diesem Autor auffällt, ist, dass er, was heute wenige vermögen oder
wenige tun, tatsächlich erzählen kann, konkret, verständig und verständlich.
Siegfried Lenz kennt den Gegenstand, über den er schreibt, von dem er
erzählt, sehr genau. Obwohl es eine spannende, ja aufregende Geschichte
ist, eine Abenteuer-, eine Kriminalgeschichte fast, erkennt man doch,
dass sie, vom ersten bis zum letzten Satz, geduldig gestaltet und ruhig
geschmiedet worden ist. Was in einer äußerst prekären, äußerst bedrohlichen
Situation auf dem Feuerschiff geschieht, was gesprochen, was getan und
wie gehandelt wird, ist nicht nur überzeugend, sondern von einer zwingenden
Notwendigkeit, einem Ernst, der wohl selbst einem Leser, dem es nur
um äußere Spannung geht, immer wieder innehalten und für ein paar Momente
nachdenken lässt, nachdenken über die tragisch-menschlichen Auswirkungen
dieser Erzählung und damit zugleich über die Situation des Menschen
in unserer Zeit.